Event Recap: Die Quadratur des Quartiers
Wie bringen wir immer komplexere Anforderungen an die Stadtentwicklung mit Qualität und Umsetzbarkeit unter einen Hut? Diese Frage diskutierten wir mit Anna Bernegg (Forward), Prof. Christa Reicher (RWTH Aachen), Dietmar Leyk (spacecouncil) und Tina Unruh (HSBK) zum Auftakt unserer Talk-Reihe “Klartext” in Hamburg.
Die Herausforderungen der Stadtentwicklung werden zunehmend vielschichtiger. Multiple Krisen verschärfen die Lage in Bezug auf Mobilität, Energie oder Wohnraumversorgung. Die Komplexität der einzelnen Bereiche nimmt immer weiter zu, was stetig wachsende Regulierungen und Maßgaben zur Folge hat. Nahezu überall wird eine Wende gefordert: Bauwende, Mobilitätswende, Energiewende. Der Ruf nach einem fundamentalen Wandel ist unüberhörbar. Die Forderung nach Lösungsvorschlägen geht einher mit dem Verlangen nach einer grundlegenden Vereinfachung (Gebäudetyp E, Experimentierklauseln, Reallabore etc.). Die Breitenwirkung lässt allerdings auf sich warten. Viele Neubauquartiere bleiben sichtbar hinter ihren ursprünglichen Ambitionen zurück. Interessenkonflikte zwischen den genannten Themen werden im Stadtraum erlebbar.

Wir fragten uns also:
- Wie können die komplexen Anforderungen sinnvoll in die Quartiersentwicklung integriert werden?
- Wie kann Agilität in der Planung gewährleistet werden, um auf unvorhergesehene Prozesse zu reagieren?
- Wie kann der Spielraum in der Quartiersentwicklung und -planung wieder erweitert werden?
Aus den Impulsvorträgen und der anschließenden Diskussion nehmen wir diese zentralen Punkte mit:
Mit dem Unmöglichen rechnen
In einer Zeit krisenhafter Umbrüche müssen wir anders und schneller agieren als gewohnt. Dabei ist der Handlungsdruck hoch und gleichzeitig wissen wir, dass sich Rahmenbedingungen von jetzt auf gleich verändern können. Anpassungsfähigkeit für uns Menschen und die uns umgebenden urbanen Systeme wird immer zentraler. Nur wie kann diese Anpassungsfähigkeit in der städtischen Planung realisiert werden? Christa Reicher plädiert für das Arbeiten mit dem temporären Endzustand: Statt in der Quartiersentwicklung alles vorzudefinieren, kann es ein Weg sein, mit einem Mindestmaß an Nutzungen zu planen. So können Optionsflächen gelassen werden, für Nutzungen, die noch nicht absehbar sind. Dietmar Leyk spricht dabei vom Bedarf offener Briefings.

Partizipation und iterativen Prozesse umsetzen
nna Bernegg unterstreicht angesichts der Dringlichkeit zum Handeln, wie wichtig verbindliche, messbare Ziele sind, bei einem gleichzeitig flexiblen Prozess. Ein Prozessdesign, das aus politischer Steuerung heraus mit hohem Maß an Kommunikation und Beteiligung erfolgt und iterative Feedbacks ermöglicht, kann den Unterscheid zwischen Transformation und Stagnation machen. Christa Reicher fordert dazu eine starkes “Partizipatives Leadership” der Verwaltung.
Komplexität wertschätzen und den gemeinsamen Kanal finden
Schlüsselelement auf diesem Weg ist die transparente, wertschätzende und kontinuierliche Kommunikation. Für Tina Unruh ist Kommunikation der Weg, um die Gestaltungsräume für die Menschen, die sie nutzen (werden) zu öffnen und zu diskutieren. Sie plädiert dafür, im Umgang mit erhöhter Komplexität diese nicht zu reduzieren, sondern sie auf unterschiedlichen Ebenen zu differenzieren und zu portionieren.

Mutiger und radikaler werden
Das Experiment ist letztlich angesichts Komplexität, Unvorhersehbarkeit und Dringlichkeit ein valides Mittel, um Modelle zu testen und sie bei Erfolg in den Regelfall zu überführen. Es bietet auch die Möglichkeit viel radikaler zu denken, was mit Blick auf das Auseinanderklaffen aktueller Neubauprojekte mit den Bedürfnissen künftiger Generationen nötig ist.








