Act now: Durch soziale Kipppunkte navigieren
Im Nachhaltigkeits- und ESG-Diskurs steht h盲ufig die 枚kologische Betrachtung im Fokus. Dabei geht es meist um die Optimierung bestehender Prozesse, Verringerung der CO2-Emmissionen oder die Nutzung anderer Rohstoffe.
Der reine Fokus auf Systemoptimierung, aber, ist nicht ausreichend. Eine echter Wandel braucht auch den Faktor Mensch, der mitzieht. Daher ist der soziale Faktor (das S in ESG) wichtig, um Systeme nicht nur zu optimieren, sondern ganzheitlich zu ver盲ndern.
Aron Bohmann, Associate Consultant in unserem Cities Team in Hamburg, erkl盲rt, wie soziale Faktoren in der Nachhaltigkeitsbetrachtung st盲rker in den Fokus r眉cken k枚nnen, um einen ganzheitlichen Wandel in Gang zu setzen.
Was sind soziale Kipppunkte?
Soziale Kipppunkte spielen in der Bew盲ltigung des Klimawandels eine zentrale Rolle. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass 鈥瀒nnerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne und ohne einen gravierenden oder vorhersehbaren Ausl枚ser tiefgreifende gesellschaftliche Ver盲nderungen stattfinden,鈥 so das Zukunftsinstitut, das sich auf eine unter der Leitung von Ilona Otto, Professorin f眉r gesellschaftliche Auswirkungen des Klimawandels am Wegener Center f眉r Klima und Globalen Wandel an der Universit盲t Graz, st眉tzt. 鈥濧ngesto脽en werden diese Kipppunkte von einer kleinen, aber engagierten Minderheit, der es gelingt, die Einstellung einer Mehrheit zu 盲ndern und damit weitreichende Bewegungen in allen gesellschaftlichen Bereichen anzusto脽en,鈥 erkl盲rt das Zukunftszentrum weiter. 鈥濻obald eine kritische Masse 眉berzeugt ist, braucht es nur noch einen kleinen, unscheinbaren Ausl枚ser, um eine gewaltige Dynamik in Gang zu setzen, die schlussendlich alle Gesellschaftsbereiche beeinflusst.鈥
In unserer Arbeit in st盲dtischen Kontexten begegnen uns verschiedene Kipppunkte. Drei exemplarische Themen, die sozialen Wandel ansto脽en k枚nnen, wollen wir uns genauer ansehen. Wie navigiert man diese, damit sie ins Positive f眉hren?

Kipppunkt 1: Demographischer Wandel
In vielen Wohngebieten, insbesondere in monofunktionalen Quartieren, wird es aufgrund von synchronen Alterungsprozessen phasenweise wechselnde Anforderungen an das Umfeld geben. Das kann zur Folge haben, dass essenzielle Angebote im Stadtviertel, wie zum Beispiel medizinische Dienstleistungen und passende Bildungs- und Mobilit盲tsangebote nicht mehr passgenau sind. Ein Bespiel daf眉r ist Neu-Hohensch枚nhausen, am nord枚stlichen Rand von Berlin und mit rund 70.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die j眉ngste Wohnsiedlung der ehemaligen DDR. In den 80iger Jahren z盲hlte sie zu einer der modernsten, kinderfreundlichsten und begehrtesten Siedlungen Berlins. W盲hrend damals 眉berwiegend junge Familien dort wohnten, sind es heute zumeist 盲ltere und pensionierte Bewohnerinnen und Bewohner, die andere Anspr眉che und Bed眉rfnisse haben. In monofunktionalen Quartieren wie Neu-Hohensch枚nhausen wandeln sich die Nachfragen je nach Lebensphase der Anwohnenden. Werden Angebotsstrukturen nicht aktualisiert, verschlechtert sich die Wohnsituation und die Lebensbedingungen, die Nachbarschaft wird benachteiligend und es besteht die Gefahr des Kippens in 鈥瀊enachteiligte Nachbarschaften鈥.
Quartiere brauchen Updates
Damit Gro脽wohnsiedlungen wie Neu-Hohensch枚nhausen upgedatet werden k枚nnen, braucht es ein tiefgreifendes Verst盲ndnis dieser Orte und Erhebungen, wie zum Beispiel zu Demographie, Gespr盲che mit Anwohnenden und Analysen von Angebotsstrukturen und Auslastungen. Dringende Fragen, die gestellt werden m眉ssen, sind:
- Wie werden Gro脽wohnsiedlungen baulich weiterentwickelt?
- Wie k枚nnen Quartiere zu einer klimaresilienten Stadt beitragen?
- Wie positionieren sie sich im Digitalisierungsprozess?
- Wie bewegen sich Anwohnende in der Zukunft fort?
- Wie arbeiten sie in der Zukunft?
- F眉r wen sollen diese Quartiere attraktiv sein?
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Um dem Kippen von Quartieren in benachteiligte Nachbarschaften entgegenzuwirken, bedarf es einer integrierten Quartierskonzeption, die Themen wie Freiraum, gewerbliche und soziale Angebotsstrukturen, Mobilit盲t, Wohnraumbeschaffenheit oder energetische Ert眉chtigung in ihren Wechselwirkungen betrachten und Zeit-Ma脽nahmenpl盲ne entwickeln. Quartiere (wie Neu-Hohensch枚nhausen) m眉ssen regelm盲脽ig upgedatet werden.
Anstatt durch die rein planerische Linse zu schauen, muss ein Blickwechsel stattfinden, die die menschliche Perspektive in Betracht zieht. Durch den Austausch mit Bewohnerinnen und Bewohnern, der teilnehmenden Beobachtung und der Nutzung der R盲ume kann im Anschluss eine Ableitung von Ma脽nahmen starten.
Angepasste Angebotsstrukturen schaffen R盲ume f眉r alteingesessene sowie neue Gruppen. Erdgeschossstrategien, in denen unterschiedlichen Bed眉rfnisse und Nutzergruppen 鈥 heute und erwartbare – betrachtet werden, sind ein Beispiel eines m枚glichen Updates. Gewerbe- oder Wohnungstauschb枚rsen ist ein anderes. Sie bieten Ans盲tze, um dem Wandel von Bed眉rfnissen und den zuk眉nftigen Anforderungen an Quartiere gerecht zu werden.
Durch den demographischen Wandel in Kombination mit Belegungspolitik ist vorhersehbar: es braucht unterst眉tzende und soziale Angebote, medizinische Angebote und R盲ume f眉r verschiedene ethnische Gruppen.

Kipppunkt 2: Gesellschaftliche Teilhabe
Bei diesem Punkt steht die These im Raum, dass es ein Verlustgef眉hl in Bezug auf gesellschaftliche Mitbestimmungsm枚glichkeiten gibt. Die Wahlbeteiligung der Europawahl von 50% attestiert eine generelle Politikverdrossenheit. In Anbetracht der Ergebnisse der Landtagswahlen in Th眉ringen, Sachsen und Brandenburg, der Rechtsruck und die daraus erkennbare Polarisierung der Bev枚lkerung ist h枚chste Dringlichkeit geboten.
Poltische Polarisierung ist lokal sp眉r- und behandelbar. Mag es eine Verdrossenheit auf 眉bergeordneter Ebene geben, sind Nachbarschaften und Quartiere die kleinste Zelle des Austausches, der Wirksamkeit und so in gewisser Weise des politischen Handelns. In diesen R盲umen kann der Austausch zwischen Bev枚lkerungsgruppen mit entsprechenden Angeboten Platz finden. Zuf盲llige Begegnung oder das Ungeplante k枚nnen in gewisser Weise mitgeplant werden. Somit kann ein Rahmen f眉r Begegnungen abseits der eigenen Filterblase geschaffen werden.
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Aus einer Betrachtung von Lebenswelten, wie in Neu-Hohensch枚nhausen, kann die gesellschaftliche Teilhabe, abgeleitet von gesellschaftlichen Trends, unterst眉tzt werden.
Es braucht Wirksamkeit vor Ort. Politisches Handeln muss dort anfangen, wo die Menschen sind. Jeder m枚chte gerne in einer guten Nachbarschaft leben und ist m枚glicherweise bereit sich zu engagieren 鈥 daf眉r braucht es M枚glichkeiten, R盲ume oder Ressourcen. Co-kreative Prozesse m眉ssen angesto脽en werden, um herauszufinden was hinter Bed眉rfnissen der Bewohnenden steht und wie diese vor Ort geltend gemacht werden.
Nachbarschaften fungieren dabei als Nukleus der gesellschaftlichen Teilhabe. Eine soziale Durchmischung kann durch eine Belegungspolitik positiv wie negativ beeinflusst werden. Es sollten Orte des Austausches, mit niedrigschwelligen Zug盲ngen oder lokale Treffpunkte geschaffen werden. Sogenannte dritte Orte sollten mitgeplant werden. Diese analogen R盲ume haben oft eine digitale Repr盲sentation in Form von begleitenden Chatgruppen und sind essenzieller Bestandteil von Austausch und Meinungsbildung.
Vor der Planung planen
Soll es gelingen, den Kipppunkt der gesellschaftlichen Teilhabe in den Griff zu bekommen m眉ssen Grundsatzentscheidungen vor der eigentlichen Planung getroffen werden. Gesellschaftliche Trends, lokale Kontexte und deren Zusammenwirken auf das Raumprogramm, Mobilit盲t und Wohnungsmix sollten in der Phase 0 verstanden und bearbeitet werden. Anschlie脽ende Ma脽nahmen k枚nnten wie folgt ausfallen:
Leih- und Tauschplattformen: Auf diesen Plattformen k枚nnen Gegenst盲nde wie Bohrmaschinen, Rasenm盲her und Fahrr盲der oder gar Wohnungen zur Leihe oder zum Tausch angeboten werden. Wichtig sind hier analoge Schnittstellen im Quartier, in denen Gegenst盲nde getauscht, gelagert oder gewartet werden k枚nnen, um Interaktionen zu f枚rdern.
Dritte Orte: Dies sind Orte wie zum Beispiel kreative oder handwerkliche Werkst盲tten, FabLabs, in denen computer-gesteuerte Tools zug盲nglich sind, eine Bibliothek der Dinge, Reparatur-Caf茅s oder andere R盲ume des Austausches, wie Kultur-Caf茅s oder Gastst盲tten bieten M枚glichkeiten des Austausches.
Lokale Produktion: Eine Umgestaltung der lokalen Gewerbem枚glichkeiten, sodass hier produzierende und handwerkliche Unternehmen flexibel Fl盲chen anmieten k枚nnen, k枚nnte die native Produktion ankurbeln.

Kipppunkt 3: Digitale Spaltung
Die digitale Spaltung ist als das Auseinanderdriften der digital m眉ndigen und der eher analog agierenden Bev枚lkerung definiert. Bewohnende, insbesondere die, die der 盲lteren Generationen angeh枚ren, werden abgeh盲ngt und k枚nnen nicht mehr vollumf盲nglich am Leben teilhaben. Bestimmte st盲dtische 海角视频 oder Anwendungen haben zunehmend eine digitale Komponente (bspw. Terminbuchungen oder Formulare) die f眉r viele Bewohnerinnen und Bewohner praktischer ist aber nicht alle Personen gleicherma脽en anspricht. Dieses Problem versch盲rft sich durch den demografischen Wandel. Auch finanziell schw盲cher gestellte Gruppen k枚nnen Nachteile im Umgang mit der Digitalisierung haben. Durch das Fehlen passender Endger盲te oder Internetverbindungen k枚nnen manche Gruppen weniger aktiv vorhandene digitale M枚glichkeiten aussch枚pfen. Beispielsweise Schulmaterial, das nicht allen gleicherma脽en oder kostenfrei zur Verf眉gung steht und H眉rden durch die Digitalisierung mit sich bringt, k枚nnte dazu f眉hren 鈥瀌en Anschluss zu verlieren鈥.
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Auch bei der Digitalisierung braucht es die menschlichen Perspektiven. Der Mensch und die Nutzungsabsichten m眉ssen vor den technologischen Fortschritt gestellt werden. Technologien haben sich als schnelllebig erwiesen, oft einhergehend mit einem gewissen blendenden Effekt. Insofern macht es Sinn Anwendungen kritisch auf ihren Nutzwert zu untersuchen.
Weiter braucht es analoge Schnittstellen f眉r digitale (st盲dtische) Angebote, niederschwellige Zug盲nge zur digitalen Welt und pro-aktive Unterst眉tzung bei der Erschlie脽ung dieser Welt durch betroffene Gruppen.
Auf Basis von Recherche, bezugnehmend auf die lokalen Gegebenheiten, hat 海角视频 eine Serie von Ma脽nahmen entwickelt, die Teilprobleme adressieren:
Digitale Daseinsvorsorge im Wohnungsbau: diese richtet sich an Wohnungsbaugesellschaften, die das Internet im gleichen Zug wie Wasser und Strom mitverlegen k枚nnen.
Gestaltungsleitfaden: Normierung und Wiedererkennung von digitalen Angeboten und grunds盲tzliche Qualit盲tsanforderungen an Angebote, einschlie脽lich Sachen wie Schriftgr枚脽e, Kontrast und einfache Sprache.
Digitalraummanagement: Personen mit der Aufgabe, Akteurinnen und Akteure zu vernetzen und bereits vorhandene Angebote sichtbar zu machen. Hauptt盲tigkeitsfeld dieser Stelle ist die Unterst眉tzung lokaler, sozialer Institutionen mit Wissen und Vernetzungsarbeit.

Fazit
Wir sehen, es braucht keine schnellen L枚sungen, keine Optimierungen, keine kosmetischen Eingriffe: es braucht langfristiges Denken. Nichtsdestotrotz braucht es sichtbare und wahrnehmbare Impulse vor Ort, um Ver盲nderungen in Gang zu bringen. Ein Umdenken, unter der Beachtung folgender Punkte, muss stattfinden.
- Verst盲ndnis vom Nachhaltigkeitsdiskurs – weg von isolierten Betrachtungen einzelner S盲ulen hin zur gesamtheitlichen Betrachtung
- Umwelt & Mensch in den Fokus 鈥 statt Produkte und Anwendungen
- Co-kreatives Arbeiten 鈥 es braucht verschiedene Perspektiven
- Empowerment statt Beteiligung 鈥 statt Stimmen h枚ren, diesen auch Kraft zur Ver盲nderung geben
- Langfristige Perspektiven – vorschnelle L枚sungen sind oft nicht zielf眉hrend
- Planung muss sichtbar sein 鈥 Ma脽nahmen m眉ssen von der Bewohnerschaft wahrgenommen werden
Zurzeit haben wir eine lineare Betrachtungsweise bzw. eine Pfadabh盲ngigkeit, von der es schwer ist, sich zu entfernen. Der Mensch muss auch im Nachhaltigkeits- und ESG-Diskus Grundlage des Handelns werden, statt der isolierten CO2-Optimierung, sonst sind wir wieder am Symptom nicht an der Ursache des Problems. Wenn wir uns jetzt um das 鈥歋鈥 in ESG k眉mmern, sehen wir die positiven Auswirkungen erst nach Generationen im Gegensatz zum 鈥欵鈥, bei dem man einen ROI ausrechnen und modellieren kann. Aber mit Verhaltens盲nderungen lassen sich Ziele nachhaltig erreichen 鈥 Das S ist sozusagen essenzielles Vehikel f眉r das E (und auch G).


