Event Recap: Zukunftsfähige Stadtquartiere – Manchester, Berlin, Wien
Der zweite Lab Talk der Reihe „Futureproof – Engineering Resilient Cities“ am 20. Februar 2025 widmete sich der Erneuerung von Stadtquartieren und Strategien für klimaresiliente Viertel.
Im Fokus standen Lösungen zur Umnutzung bestehender Flächen, zum Beispiel ehemaliger Industriegebiete. Drei zentrale Fragen prägten die Diskussion: Wie lassen sich Bestandsquartiere flexibel gestalten und kontinuierlich erneuern? Wie integrieren wir neue Nutzungen in bestehende Quartiere? Und welche politischen Maßnahmen fördern anpassungsfähige Quartiere?
Um diese Fragen zu beantworten haben wir mit unseren Speakern, Maria Vassilakou, Oliver Schulz und Dr. Karim Rochdi nach Wien, Manchester und Berlin geblickt und Möglichmacher identifiziert. Zu den Peers zählten Lars Loebner, Elena Wiezorek und Gudrun Sack. Felicitas Leithner und Thomas Kraubitz von Ƶ führten durch den Abend.

Urban Game Changers
Städte und Quartiere stehen vor zahlreichen Herausforderungen: Eine alternde Bevölkerung, junge Familien, die Wohnungskrise mit steigenden Mieten und knappen Flächen, Migration – ob arbeitsbedingt, durch Konflikte oder Katastrophen sowie die Klimakrise mit der damit einhergehenden Notwendigkeit zur Prävention und resilienten Anpassung. Auch soziale und kulturelle Veränderungen prägen die Stadt: Mehr Einpersonenhaushalte, die Wiederentdeckung öffentlicher Räume, globaler Tourismus mit Problemen wie Übertourismus, Demokratische Prozesse verlangen mehr Zusammenarbeit und Pluralität. All dies beeinflusst die Stadtentwicklung.
Verjüngung bedeutet die Modernisierung und Aufwertung bestehender Stadtquartiere, um sie an aktuelle und zukünftige Bedürfnisse anzupassen. Dies umfasst sowohl bauliche Maßnahmen als auch die Verbesserung der sozialen und ökologischen Infrastruktur.
Der Klimawandel erfordert Anpassungen. Entsiegelte Straßen, Schwammstadt-Prinzipien und die Begrünung von Straßen helfen, Starkregen und Hitze zu bewältigen. Nicht jede Straße muss für Autos zugänglich sein – das schafft Platz für Grün. Das Climate Loop-Projekt in Manchester zeigt beispielsweise, wie Natur und öffentliche Räume das Stadtleben bereichern. Es stellt das öffentliche Leben und die Natur in den Mittelpunkt. Der Masterplan zieht sich wie eine Schleife durch Manchester und verbindet die Schlüsselorte der Stadt mit Grün- und Blauräumen. In dieser Schleife haben Fußgänger Vorrang, Beleuchtung erleichtert die Zugänglichkeit bei Tag und Nacht, und es gibt Raum für Natur. Die Verflechtung von Freiflächen und Gebäuden, die zunächst zu Fuß und mit dem Fahrrad über einen barrierefreien Climate Loop erreichbar sind, wird sicherstellen, dass der öffentliche Raum neue nachhaltige Lebensstile im Stadtzentrum von Manchester unterstützt.
Eine kinderfreundliche Stadt ist eine Stadt für alle. Daher lohnt es sich, aus der Kinderperspektive zu denken, denn Städte, die für Kinder funktionieren, funktionieren für alle. Daraus leitet sich eine andere Mobilität ab, die sich stärker an nicht-motorisiertem Verkehr orientiert. Verkehrsberuhigte Zentren, verbunden durch Fußwege, ermöglichen es den Nutzern und Nutzerinnen, durch die Stadt zu gehen und dabei in Grünräumen und verkehrsberuhigten Bereichen zu bleiben. Ein bekanntes Beispiel aus Wien ist die Mariahilferstraße, eine der bedeutendsten Einkaufsstraßen Österreichs, die ab 2013 abschnittsweise zur Fußgänger- und Begegnungszone umgestaltet wurde. In Begegnungszonen wird die Interaktion zwischen den Verkehrsteilnehmern gefördert und alle achten aufeinander. Radfahrer dürfen die Zone in Schrittgeschwindigkeit befahren, während Fußgänger den Vorrang haben.
Zukunftsfähige Mobilitätskonzepte sind entscheidend, um Bestandsquartiere zu beleben. Betrachten wir Mobilität aus der Perspektive von Kindern, gilt es, den öffentlichen Nahverkehr sowie das Radfahren und Zufußgehen zu fördern. Dafür verlagern sich Parkplätze an den Rand der Quartiere, wo Sammelgaragen entstehen. Mobility Hubs bieten den Bewohnern verschiedene Optionen für die letzten Meter. Diese Hubs werden zunehmend zu zentralen Anlaufpunkten, an denen Nutzer Mikromobilitäts- und Carsharing-Angebote nutzen können. Um dennoch Parkraum zu schaffen, eignen sich Sammelgaragen oder Mobility Hubs am Quartiersrand. Die dabei entstehenden Gebäude lassen sich flexibel gestalten und später anderweitig nutzen.
In Zukunft werden neue Technologien wie Drohnen und Mikromobilität die Mobilitätspyramide erweitern und müssen von Planenden mitgedacht werden, um die Zukunftsfähigkeit zu sichern.
Umnutzung von Industriebrachen
Industriebrachen spielen bei der Umnutzung von Bestandsquartieren eine Schlüsselrolle. Oft liegen sie brach und bieten enormes Potenzial, um sie in lebendige, multifunktionale Stadtviertel zu verwandeln. Doch neben Chancen bringen sie auch viele Herausforderungen mit sich.
Häufig stehen Industriebrachen unter Denkmalschutz. Und: Denkmäler wecken Emotionen. Zudem macht der Denkmalschutz die Anpassung an heutige Anforderungen (z.B. energetische Sanierung) oft zu einer Gratwanderung. Eine erfolgreiche Umnutzung verlangt politische Entscheidungen und eine durchdachte Strategie, um Bestehendes und moderne Bedürfnisse in Einklang zu bringen.
Hier lauern Risiken: Mängel sind beim Kauf oft unsichtbar, kontaminierte Böden erfordern teure Sanierungen, rechtliche Unsicherheiten und komplizierte Genehmigungsverfahren verzögern Projekte. Trotz dieser Hürden sind Industriebrachen ein wichtiger Teil der Lösung, um attraktive Stadtquartiere und neuen Wohnraum zu schaffen. Die richtigen politischen Rahmenbedingungen können die Umnutzung für Bauende attraktiver gestalten.
Beispiele wie das Luxwerk in Berlin zeigen, wie ehemalige Fabriken zu lebendigen Orten werden können. Das Luxwerk, einst Glaswerk für OSRAM, soll zu einem Business Campus mit flexiblen Flächen für Manufaktur, Reparatur und Hightech-Labore werden. Solche Projekte verbinden Vergangenheit und Zukunft und schaffen neue soziale und kulturelle Räume.
Flexibilität und gemischte Nutzungen sind ebenfalls entscheidend. Die Stadt der Gründerzeit kann als Vorbild dienen, da sie viele unterschiedliche Nutzungen integriert, wie kleine Geschäfte in den Erdgeschossen, Produktion in den Hinterhöfen und Wohnen in den Etagen. Bei der Umnutzung von Industriedenkmälern trägt eine Mischung aus Wohn-, Arbeits-, Kultur- und Freizeitnutzungen zur Revitalisierung bei und vermeidet damit die Entstehung, monotoner „Pyjama Städte” – Stadtteile, die tagsüber verlassen wirken, weil ihre Bewohner nur zum Schlafen zurückkehren. Um eine Nutzungsmischung zu fördern, hat Wien beispielsweise verpflichtende Mindest-Erdgeschosshöhen eingeführt, um Raum für Einzelhandel zu fördern.



Verwirklichung
Damit diese Ansätze gelingen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft spielen dabei eine zentrale Rolle.
Die Frage, wie man mit Grund und Boden umgeht, spielt bei nachhaltiger Transformation eine zentrale Rolle. Bodenpolitik kann einen großen Einfluss auf die zukünftige Bezahlbarkeit der Stadt und eine soziale Durchmischung haben. Statt Flächen zu verkaufen, können sie beispielsweise im Besitz der Stadt und der öffentlichen Hand bleiben. Das ehemalige Flughafengelände Tegel zeigt mit dem Erbbaurecht, wie das gelingen kann. Beim Erbbaurecht trennt man Eigentum und Nutzung eines Grundstücks: Statt es zu verkaufen, vergibt der Eigentümer das Nutzungsrecht. Nach diesem Prinzip sollen im künftigen „Schumacher Quartier“ auf dem ehemaligen Flughafengelände Tegel Wohnungen entstehen. Die Grundstücke werden über sogenannte Konzeptverfahren im Erbbaurecht an Genossenschaften und Baugruppen vergeben. So entstehen Wohnungen, die soziale Vielfalt fördern.
Ein weiterer Hebel der Bodenpolitik ist die Aufteilung bestehender Grundstücke: Während große Parzellen wichtig sind, um internationale Firmen anzuziehen, fördert eine kleinteilige Parzellierung Baugruppen und sozialen Wohnbau. Außerdem führt Kleinteiligkeit zu einer höheren Vielfalt an Nutzungen und Architektur.
Wien zeigt, wie Bodenpolitik bezahlbaren Wohnraum sichern kann. Die Stadt ist für ihre moderaten Mieten bekannt, was dem hohen Anteil an mietgedeckelten Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen zu verdanken ist. Um das zu sichern, führte die Wiener Stadtregierung 2018 die Widmung „Gebiete für den geförderten Wohnbau“ ein. Diese verpflichteten Bauherren, zwei Drittel der Wohnfläche als geförderten Wohnraum zu gestalten. So bleiben Mieten moderat, und soziale Durchmischung wird gewährleistet.
Berlin setzt auf thematische Schwerpunkte bei der Entwicklung bestehender Stadtviertel. Die 11 Zukunftsorte der Stadt sind miteinander vernetzt und haben individuelle Schwerpunkte: Tegel widmet sich Zukunftstechnologien, Tempelhof der Kultur, Berlin-Buch der Gesundheit und Siemensstadt der Energie- und Umwelttechnologie. Diese Fokussierung fördert die gezielte Entwicklung und Nutzung der Quartiere.
Da der Bestand häufig mit unbekannten Herausforderungen einhergeht, ist die Finanzierung oft mit Hürden verbunden. Daher sind insbesondere in der Transformation von Bestandsquartieren Fördermittel von großer Bedeutung, da sie Anreize für eine nachhaltige Transformation fördern können. Aktuell sind Förderungen bei unterschiedlichen Ämtern aufgehangen und benötigen verschiedene Anträge, was die Übersicht für Antragstellende erschwert. Angesichts der aktuellen Undurchschaubarkeit der Fördermittel ist insbesondere die Kommunikation der Fördermittel entscheidend. Ein zentraler Anlaufpunkt kann den Zugang zu Förderungen erleichtern, wie beispielsweise nach dem One-Stop-Shop-Prinzip, das die Möglichkeit bezeichnet, alle notwendigen bürokratischen Schritte, die zur Erreichung eines Zieles führen, an einer einzigen Stelle durchzuführen. Sie dienen als zentrale Anlaufstellen für energetische Gebäudesanierung und übernehmen eine Vielzahl an Aufgaben, die sich bei einer energetischen Sanierung ergeben. So werden Immobilien-Eigentümer*innen durch den gesamten Sanierungsprozess begleitet, wodurch sich der oftmals komplexe Prozess mit seinen vielen Einzelschritten und Wechselwirkungen zwischen diesen vereinfachen lässt.
Public-Private-People Partnerships
Sowohl öffentlich-private Partnerschaften (PPP) als auch die Einbindung der Zivilgesellschaft sind entscheidend. Solche Allianzen bringen Projekte voran. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Public-Private-Partnership liefert die Herrengasse in Wien: Lokale Immobilienbesitzer initiierten und finanzierten größtenteils die Umgestaltung der Straße. Die Gasse liegt in der Wiener Innenstadt und ist Heimat zahlreicher Geschäfte, Lokale und Veranstaltungsorte. Die Eigentümer erkannten den Wert des öffentlichen Raums vor ihren Gebäuden, gründeten die Initiative Herrengasse+ und überzeugten die Politik von einer gemeinsamen Umsetzung. Die Straße und angrenzende Bereiche wurden umgestaltet: Rund 20 Parkplätze verschwanden, und die Oberfläche erhielt ein einheitliches Niveau. Die Gesamtkosten von sechs Millionen Euro trugen überwiegend private Investoren; die Stadt Wien beteiligte sich nur geringfügig, etwa an der Erneuerung der Wasserrohre.
Die Beteiligung der Gesellschaft ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Eine erfolgreiche Beteiligung erfordert eine Vor-Ort-Beteiligung der Gemeinschaft bei lokalen Transformationen. Es ist wichtig, die Transformation auf lokaler Ebene zu managen und Bottom-up-Aktionen zu unterstützen, um die Bürger in die lokale Erneuerung einzubeziehen.
Public-Private-People Partnerships (PPPPs) erweitern das Konzept der PPPs, indem Bürger und Bürgerinnen aktiv einbinden. Diese Partnerschaften stärken die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren sowie der Zivilgesellschaft, um gemeinsam nachhaltige und inklusive Lösungen zu entwickeln. Die Beteiligung der Menschen erhöht die Transparenz, fördert die Akzeptanz der Projekte und trägt so zu ihrem Erfolg und langfristigen Nutzen bei.
Fazit
Die Veranstaltung zeigte, dass unterschiedliche Erfolgsfaktoren zu zukunftsfähigen Bestandsquartieren beitragen: Nutzungsvielfalt, erfahrene und motivierte Partner, Identität und Charme, Nachhaltigkeitskonzept, verwertbare Substanz, Zeit und Glück. Darüber hinaus benötigt es:
- Optimismus: Positive Versprechen für die Zukunft in die Stadtplanung einbringen.
- Leadership: Verantwortung übernehmen, nicht nur top-down, sondern auch bottom-up. Jeder und jede kann Leadership zeigen, indem man sich entscheidet, Verantwortung zu übernehmen.
- Kooperationen: Weg vom Silo-Denken hin zu Kooperationen.
Futureproof Reihe
Futureproof, eine dreiteilige Veranstaltungsreihe, hat Ƶ anlässlich seines 30-jährigen Bestehens in Deutschland gemeinsam mit Aedes ins Leben gerufen. Die erste Veranstaltung Futureproof XL beleuchtete die Zukunftsfähigkeit von Regionen, die letzte Veranstaltung Futureproof S mit klimaneutralen Gebäuden.



