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Deutschlands nächste Welle von Stadioninvestitionen wird sich wohl nicht durch spektakuläre Neubauten auszeichnen. Stattdessen steht eine stillere, aber anspruchsvollere Herausforderung im Fokus: bestehende Stadien zu erweitern, zu modernisieren und zu dekarbonisieren, ohne die Spielatmosphäre, den laufenden Betrieb oder die enge Verbindung zwischen Verein und Standort zu verlieren.

Globale Großereignisse unterstreichen diesen Wandel. Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 nutzt ausschließlich bestehende Großstadien, und die Olympischen Spiele Los Angeles 2028 haben sich dazu verpflichtet, keine neuen dauerhaften Wettkampfstätten zu errichten. Diese Entscheidungen zeigen, dass Modernisierung und Umnutzung zunehmend als Antwort auf Kostendruck, Klimaziele und das Risiko sogenannter „weißer Elefanten“ betrachtet werden.

Diese Herausforderung wird zunehmend dringlicher, denn viele deutsche Stadien haben seit den Modernisierungen zur FIFA-Weltmeisterschaft 2006 fast zwei Jahrzehnte Dauereinsatz hinter sich. Viele dieser Stadien sind baulich weiterhin in gutem Zustand und fest in ihren Gemeinden verankert. Modernisierung ist längst keine zweitklassige Lösung mehr. Sie bietet den realistischsten Weg, um Kapazitäten zu erweitern, Einnahmen zu steigern, den CO₂-Fußabdruck zu senken und die heutigen Ansprüche von Fans, Medien und Hospitality zu erfüllen.

Das Etihad Stadion in Manchester liefert ein wertvolles Beispiel wie bestehende Stadien unter realen politischen, technischen und betrieblichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden können. Bild: Adobe Stock

Ein neuer Zyklus für deutsche Stadien

In ganz Europa erreichen viele reine Sitzplatzstadien, die seit den 1990er-Jahren gebaut oder umfassend erneuert wurden, eine neue Lebensphase: Sie sind nicht veraltet, aber auch nicht mehr optimal auf heutige Anforderungen ausgelegt. Andy Pottinger, Group Director bei º£½ÇÊÓÆµ, beschreibt die Situation als den Beginn der „nächsten Welle von Modernisierungen“, da eine ganze Generation von Stadien zwar strukturell robust bleibt, jedoch bei Umsatzpotenzial, Kapazität, Flexibilität und Fanerlebnis hinter aktuellen Erwartungen zurückfällt.

Deutschland steht im Zentrum dieser Entwicklung. Viele Stadien der Weltmeisterschaft 2006 wurden für das Turnier neu gebaut, erweitert oder umfassend modernisiert. Heute sind sie alt genug, um bedeutende Reinvestitionen zu erfordern, aber noch weit vom Ende ihrer Nutzungsdauer entfernt. Für Vereine, Eigentümer und Kommunen lautet die entscheidende Frage daher nicht, ob investiert werden soll, sondern wo die Investitionen den größten langfristigen Mehrwert schaffen: im Abriss und Neubau oder in einer gezielten, ingenieurgetriebenen Transformation bestehender Anlagen.

Die Antwort weist zunehmend in Richtung Modernisierung. Viele dieser Stadien sind weiterhin baulich in sehr gutem Zustand, erzielen jedoch nicht mehr die Erträge neuerer Anlagen. Dadurch verschiebt sich die Aufgabenstellung von einem kompletten Neuanfang hin zur Verbesserung vorhandener Strukturen.

Drei Erkenntnisse aus zwei Retrofit-Beispielen

Für Deutschland sind nicht generische Neubauten die interessantesten Vorbilder, sondern Modernisierungs- und Umbauprojekte, die zeigen, wie bestehende Stadien unter realen politischen, technischen und betrieblichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden können. Das London Stadion und das Etihad Stadion in Manchester liefern hierfür wertvolle Beispiele.

Das London Stadion zeigt die Komplexität, ein olympisches Leichtathletikstadion in eine fußballorientierte Arena umzuwandeln und dabei wesentliche Bestandteile der ursprünglichen Infrastruktur zu erhalten. Ziel war es, möglichst viel der vorhandenen Struktur beizubehalten, gleichzeitig eine vollständige Dachüberdeckung zu schaffen und die Zuschauer näher an das Spielfeld zu bringen. Das Ergebnis war kein verkleinertes Leichtathletikstadion, sondern ein großmaßstäblicher Fußballspielort mit wiederverwendeter Bausubstanz, erweitertem Dach und angepasster Tribünengeometrie.

Manchester vermittelt eine andere Lektion. Das ursprünglich für die Commonwealth Games errichtete Stadion wurde zunächst durch eine Absenkung des Spielfelds und den Einbau einer neuen unteren Tribünenebene für den Fußball umgebaut. Später folgten weitere Erweiterungen der Nord- und Südtribüne. Das Projekt zeigt, wie Stadien mehrfach an neue Anforderungen angepasst werden können – selbst wenn sie ursprünglich nicht für spätere Erweiterungen geplant wurden.

Diese Beispiele verdeutlichen drei zentrale Prinzipien für zukünftige Stadionsanierungen:

  • Fußballorientiertes Design bleibt unverzichtbar, wenn Atmosphäre, TV-Tauglichkeit und Fanerlebnis erhalten werden sollen.
  • Modernisierung ist ebenso eine logistische wie eine technische Herausforderung, insbesondere bei laufendem Spielbetrieb.
  • Erfolgreiche Projekte schaffen nicht nur zusätzliche Sitzplätze, sondern verbessern gleichzeitig Hospitality-Angebote, Besucherströme und Betriebsabläufe. Sowie – in Zukunft unverzichtbar –  digitale Infrastruktur für Mixed-Reality Erlebnisse.

Stadionsanierungen als Strategie zur Wertsteigerung von Bestandsanlagen

Die größten Chancen in Deutschland liegen bei Stadien, die baulich solide sind, jedoch aus heutiger Sicht wirtschaftlich und betrieblich nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen. Viele Anlagen benötigen keinen vollständigen Ersatz, sondern bessere Umlaufbereiche, flexiblere Hospitality-Konzepte, modernisierte Medien- und Betriebsflächen, neue Dachlösungen, technische Upgrades und gezielte Kapazitätserweiterungen.

Dies gilt besonders für Vereine, die weiterhin an ihren traditionellen innerstädtischen Standorten bleiben möchten. Ein Umzug mag auf dem Papier einfacher erscheinen, bedeutet jedoch oft den Verlust von Identität, Geschichte und Fanbindung.

Gleichzeitig gewinnt die wirtschaftliche Argumentation für Modernisierungen an Gewicht. Sie ermöglichen beeindruckende Verbesserungen bei deutlich geringeren Investitionsrisiken als komplette Neubauten, deren Kosten inzwischen häufig in den hohen dreistelligen Millionenbereich steigen. Gleichzeitig können Stadien stärker als ganztägige und ganzjährige Infrastruktur genutzt werden, statt lediglich an Spieltagen für wenige Stunden einen Ertrag zu erwirtschaften.

Das London Stadium zeigt eindrücklich, dass es möglich ist ein olympisches Leichtathletikstadion in eine fußballorientierte Arena umzuwandeln und dabei wesentliche Bestandteile der ursprünglichen Infrastruktur zu erhalten. Bild: Robert Greshoff.

Modernisierung für heutige Standards

Ein zentraler Treiber für Modernisierungen ist die Anpassung älterer Stadien an aktuelle Anforderungen von Wettbewerben, Medien und Gästen. Die UEFA-Stadionkategorie 4 gilt als wichtiger Maßstab und umfasst Anforderungen an Infrastruktur, Barrierefreiheit, Beleuchtung, Sicherheit, Hospitality- und Medienbereiche. [1]

Die UEFA-Kategorie 4 definiert die Anforderungen für europäische Spitzenwettbewerbe und ist daher ein naheliegender Referenzrahmen für Stadionmodernisierungen in Deutschland. Gefordert werden unter anderem reine Sitzplatzkapazitäten von mindestens 8.000 Plätzen, leistungsstarke Flutlichtanlagen für Fernsehübertragungen, robuste Evakuierungs- und Sicherheitssysteme, barrierefreier Zugang sowie umfangreiche Hospitality- und Medieninfrastrukturen. Dazu zählen VIP-Bereiche, moderne Mannschaftseinrichtungen und speziell ausgewiesene Flächen für Rundfunk- und TV-Produktionen. Viele Stadien, die für die FIFA-Weltmeisterschaft 2006 modernisiert wurden, sind heute rund 20 Jahre alt. Um auch künftig für internationale Turniere und UEFA-Wettbewerbe auf höchstem Niveau infrage zu kommen, müssen sie diese Anforderungen entweder bereits erfüllen oder entsprechend nachgerüstet werden.

Rund 20 Jahre nach der WM 2006 stehen viele modernisierte Stadien erneut vor Investitionen, um aktuellen UEFA-Standards gerecht zu werden.

Unabhängig davon, ob jeder Verein europäische Spitzenwettbewerbe anstrebt, bleibt die grundlegende Erkenntnis dieselbe: Stadien, die vor zwanzig Jahren als hochmodern galten, können heute bei Premium-Sitzplatzangeboten, TV-Kamerapositionen, Besucherführung, Barrierefreiheit und technischer Infrastruktur hinter den aktuellen Erwartungen zurückbleiben. Die Modernisierung dieser Bereiche ist häufig komplexer als ein Neubau auf der grünen Wiese – gleichzeitig ist sie genau der Bereich, in dem intelligente Ingenieurplanung den größten Mehrwert schaffen kann.

Für den deutschen Markt besteht die eigentliche Herausforderung darin, dieses Potenzial durch gezielte Maßnahmen freizusetzen, die das bestehende Stadion, verborgene Einschränkungen berücksichtigen und auf die Systeme abzielen, die die Einnahmen, die Einhaltung von Vorschriften und das Fanerlebnis prägen.

Die versteckten Herausforderungen bestehender Stadien

Wie Dirk Visser, Partner und Office Director bei º£½ÇÊÓÆµ, erläutert, sind viele Stadien, die seit den 1990er-Jahren gebaut oder grundlegend erneuert wurden, konstruktiv vergleichsweise modern und verfügen häufig über gut zugängliche (digitale) Dokumentationen. Dadurch können Erweiterungen oftmals weniger komplex sein als bei älteren, über Jahrzehnte gewachsenen Stadien. Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch eher methodischer als geografischer Natur: Je besser eine bestehende Anlage verstanden wird – durch Bestandsaufnahmen, Dokumentationen und Tragwerksanalysen – desto realistischer und erfolgreicher wird eine Modernisierung.

Einer der am häufigsten unterschätzten Aspekte von Retrofit-Projekten besteht darin, zu verstehen, was tatsächlich vorhanden ist. Visser beschreibt ältere Stadien als komplexe „Palimpseste“ – Bauwerke, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder verändert wurden und deren Unterlagen häufig unvollständig sind. Hinzu kommen unsichere Fundamentierungen, schwer zugängliche Versorgungsleitungen und Bestandsanlagen, die nicht mehr eindeutig mit aktuellen Plänen oder geltenden Normen übereinstimmen. In manchen Fällen können selbst scheinbar einfache Erweiterungen durch verborgene Infrastruktur, historische Bautoleranzen oder veraltete Tribünengeometrien beeinflusst werden, die heutigen Vorschriften nicht mehr entsprechen.

Diese Unsicherheiten sind deshalb so relevant, weil jede neue Maßnahme mit dem Bestand in Einklang gebracht werden muss. Das Hinzufügen einer zusätzlichen Tribünenebene, die Erweiterung eines Daches oder die Verlagerung technischer Anlagen ist nicht einfach nur eine Entwurfsaufgabe. Es geht vielmehr um Tragwerksverhalten, Normenkonformität und die praktische Umsetzbarkeit innerhalb eines bestehenden, unvollkommenen Bauwerks – oftmals noch dazu an einem innerstädtischen Standort mit begrenzten Flächen. Visser bringt diese Herausforderung auf den Punkt, wenn er die Schwierigkeit beschreibt, „an etwas weiterzubauen, das heute eigentlich nicht mehr den aktuellen Vorschriften entspricht“.

Die zweite oft unterschätzte Herausforderung liegt in der Umsetzung bei laufendem Betrieb. Vereine akzeptieren nur selten eine vollständige Schließung ihres Stadions. Deshalb müssen größere Baumaßnahmen über Sommerpausen und laufende Spielzeiten hinweg phasenweise umgesetzt werden. Temporäre Bauwerke, geänderte Besucherführungen und Spieltagssicherheit müssen parallel zum Baugeschehen organisiert werden. In der Praxis kann dies bedeuten, dass Baustellenabsperrungen an Spieltagen eine völlig andere Funktion übernehmen und zu geschützten Bewegungsachsen für Zuschauer werden. Pottinger verweist auf das Beispiel Manchester City, wo das Planungsteam sicherstellen musste, dass der Spielbetrieb alle zwei Wochen ohne Unterbrechung stattfinden konnte. Dadurch wurde die Bauablaufplanung ebenso wichtig wie das eigentliche Tragwerkskonzept.

Für deutsche Auftraggeber ergibt sich daraus eine strategische Konsequenz: Retrofit-Projekte können nicht als reine Planungsaufgabe ausgeschrieben und anschließend an die Umsetzung übergeben werden. Sie erfordern von Beginn an integriertes Denken, das Ingenieurwesen, Architektur, Bauunternehmen, Betriebsabläufe, Zugänglichkeit, Hospitality-Angebote sowie die Kommunikation mit Fans und Anwohnern miteinander verbindet.

Zirkularität als Planungsmethode

Wenn die Modernisierung bestehender Stadien die plausibelste Zukunftsstrategie für Deutschland darstellt, dann ist Zirkularität der Faktor, der diese Strategie über eine reine Sanierung hinaushebt. Der Erhalt und die Anpassung bestehender Tragwerke gehören zu den wirksamsten Hebeln, um die gebundenen CO₂-Emissionen gegenüber Abriss und vollständigem Neubau zu reduzieren.

Forschungen[2] zum Potenzial zirkulären Designs im Stadionbau stellen die Annahme infrage, dass ältere Stadien automatisch klimatisch schlechter oder funktional überholt sind. Stattdessen plädieren sie für ein Lebenszyklusdenken, das auf Wiederverwendung, Reparatur, Sanierung und Umnutzung basiert.

Paul Roberts, Structural Engineer und Director bei º£½ÇÊÓÆµ, versteht Zirkularität nicht als nachträgliches Nachhaltigkeitsmerkmal, sondern als grundlegende Entwurfsmethodik. In diesem Verständnis wird ein Stadion bereits bei der Planung als langfristiger Materialspeicher betrachtet, dessen zentrale Bauteile nicht nur für ihre aktuelle Nutzung bewertet werden, sondern auch im Hinblick auf mögliche zweite oder dritte Einsatzphasen bei künftigen Erweiterungen oder anderen städtebaulichen Anwendungen. Für deutsche Stadien bedeutet dies eine Verschiebung des Planungsansatzes: weg vom Recycling am Ende des Lebenszyklus und hin zu Entscheidungen, die Wiederverwendung bereits von Beginn an mitdenken.

Roberts’ Fünf-Schritte-Ansatz bietet hierfür einen praktischen Rahmen – sei es für Neubauten auf oder veralteten Stadien oder für Umbauten, bei denen Teile der bestehenden Struktur zurückgebaut und für Erweiterungen oder Ersatzmaßnahmen wiederverwendet werden können.

  1. Erstens: Die Aufgabenstellung sollte von Abriss oder Recycling auf Wiederverwendung umgestellt werden. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, was nach dem Rückbau gerettet werden kann, sondern wie viel der vorhandenen Anlage – oder einzelner ihrer Bauteile – vor Ort oder innerhalb des Standorts weiter genutzt werden kann.
  2. Zweitens: Die bestehende Anlage sollte frühzeitig als Materiallager untersucht werden. Dies steht in direktem Zusammenhang mit den oft aufwendigen Bestandsuntersuchungen älterer Stadien, deren Dokumentationen lückenhaft und deren Baugeschichten vielschichtig sind.
  3. Drittens: Wiederverwendbare Systeme sollten identifiziert werden, beispielsweise bei Dachtragwerken, Fachwerkfeldern, Sitzsystemen oder Fassadenelementen.
  4. Viertens: Bauteile müssen katalogisiert und priorisiert werden, sodass Entscheidungen über Erhalt, Anpassung, Versetzung oder Ersatz systematisch anhand von Sicherheits-, Kosten-, CO₂- und Terminanforderungen getroffen werden können.
  5. Fünftens: Die neue Intervention sollte aus den wiederverwendeten Komponenten heraus entwickelt werden. Zirkularität soll dabei Architektur und Ingenieurwesen prägen und bereichern, anstatt lediglich nachträglich ergänzt zu werden.
Ein Fünf-Stufen-Modell zeigt den Weg von der Bestandsaufnahme bis zur erfolgreichen Transformation.

Ähnliche Ansätze werden bereits bei einem Stadionprojekt in den Niederlanden untersucht. Dort prüfen Ingenieure, ob ein 20 bis 30 Jahre altes Dach teilweise zurückgebaut und als Spitze eines erweiterten Kragarms wiederverwendet werden kann. Dadurch ließen sich Stahlbedarf, Kosten und CO₂-Emissionen reduzieren, ohne die Leistungsfähigkeit der Konstruktion zu beeinträchtigen. Das Beispiel verdeutlicht einen entscheidenden Punkt: Zirkularität gewinnt dann an Überzeugungskraft, wenn sie nicht nur ökologisch sinnvoll ist, sondern zugleich eine bessere Ingenieurlösung hervorbringt.

Roberts fasst dieses Prinzip in einem einfachen Satz zusammen: „Die nachhaltigste Tonne Stahl ist diejenige, die nie gekauft werden muss.“ Für deutsche Stadionbetreiber, die gleichzeitig unter Kostendruck stehen und Klimaziele erfüllen müssen, ist dies weit mehr als ein rhetorisches Bild. Es beschreibt einen Planungsansatz, bei dem jede Maßnahme zunächst prüft, was sicher erhalten, angepasst oder neu positioniert werden kann, bevor neue Konstruktionen vorgesehen werden.

Dächer als Klimainfrastruktur

Die Gestaltung von Stadiondächern befindet sich an der Schnittstelle von Fanerlebnis, struktureller Anpassungsfähigkeit, Umsatzpotenzial und Dekarbonisierung. Beim London Stadium erhielten º£½ÇÊÓÆµ und Populous die Aufgabe, ein olympisches Leichtathletikstadion mit 80.000 Plätzen in ein multifunktionales Stadion umzuwandeln, das Premier-League-Fußball, Rugby, Baseball, Cricket, Leichtathletik, Konzerte und Gemeindeveranstaltungen innerhalb einer einzigen flexiblen Stadionstruktur aufnehmen kann. Ein neues Dach spielte dabei eine zentrale Rolle für die Transformation. Die gewählte Lösung bestand in einer durch Eigengewicht vorgespannten Seilnetz-Konstruktion, die die ursprüngliche olympische Stahlstruktur weiterverwendete und das damals weltweit größte freitragende Stadiondach trug. Dadurch konnte die Überdachung erheblich erweitert werden, um eine für den Fußball geeignete Atmosphäre zu schaffen und gleichzeitig wesentliche Elemente des Olympia-Erbes zu erhalten.

In einer zweiten Phase wurde dasselbe Dach zur Plattform für die Dekarbonisierung des Stadions. Rund 6.500 Quadratmeter leichte Photovoltaikmodule wurden installiert. Sie wurden so konzipiert, dass zusätzliche Lasten minimiert, die Energieerzeugung maximiert und zugleich die Brandschutzanforderungen erfüllt werden. Die Anlage erzeugt heute jährlich etwa 850.000 kWh Strom, spart mehr als 200 Tonnen CO₂ pro Jahr ein und deckt den Strombedarf des umfangreichen Veranstaltungsprogramms des London Stadiums. In Kombination mit LED-Beleuchtung sowie Effizienzmaßnahmen bei den HLK-Systemen (Heizung, Lüftung und Klimatisierung) sollen diese Maßnahmen den Strombezug aus dem Netz zwischen 2022 und 2026 um rund drei Millionen kWh reduzieren.

Die Solarmodule erzeugen jährlich genug Strom, um den Bedarf mehrerer Großveranstaltungen zu decken.

Zusammengenommen zeigen das Seilnetz-Dach und die integrierte Solarmembran, warum Dächer bei Modernisierungsprojekten so wirkungsvolle Hebel darstellen: Sie können gleichzeitig das Fanerlebnis und die Akustik verbessern, multifunktionale Nutzungen ermöglichen, die strukturelle Lebensdauer eines Stadions verlängern und als bedeutende Elemente der Klimainfrastruktur dienen. Für deutsche Stadien, die ihre eigene Retrofit-Phase planen, weisen derartige Dachkonzepte auf eine Zukunft hin, in der bestehende Strukturen nicht nur erhalten, sondern aktiv weiterentwickelt werden – mit dem Ziel, sowohl bessere Bedingungen für den Fußball als auch messbare Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität zu erzielen.

Photovoltaikdächer entwickeln sich inzwischen nahezu zum Standard bei neuen oder modernisierten Stadien, weil sie Klimaziele mit niedrigeren Betriebskosten verbinden. In deutschen Modernisierungsprogrammen können Dächer daher nicht länger ausschließlich als Witterungsschutz betrachtet werden. Sie werden zunehmend als Teil der Energieinfrastruktur eines Gebäudes verstanden und in manchen Fällen sogar als Bestandteil seines Geschäftsmodells.

Diese wirtschaftliche Dimension ist von besonderer Bedeutung. Auftraggeber fragen heute regelmäßig nach zusätzlichen Nutzungsmöglichkeiten auf Dächern – beispielsweise nach Dachterrassen, Hospitality-Angeboten oder besonderen Besuchererlebnissen. Solche Maßnahmen allein rechtfertigen zwar keine umfassende Modernisierung, doch in Kombination mit Photovoltaikanlagen, verbesserten Hospitality-Bereichen und einer besseren Allwettertauglichkeit verdeutlichen sie, wie sich ein Dach von einer passiven Gebäudehülle zu einem multifunktionalen Vermögenswert entwickeln kann.

Die ingenieurtechnischen Anforderungen sind allerdings von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Pottinger weist darauf hin, dass manche Dachtypen deutlich anpassungsfähiger sind als andere. Auskragende Dachkonstruktionen können unter Umständen abschnittsweise erweitert oder modifiziert werden, während einheitliche Seilnetz- oder Großtragwerkslösungen häufig wesentlich schwieriger und kostenintensiver anzupassen sind. Für deutsche Stadien, die über schrittweise Erweiterungen nachdenken, bedeutet dies, dass die Dachstrategie bereits in frühen Planungsphasen berücksichtigt werden muss. Sie kann zukünftige Veränderungen entweder ermöglichen oder erheblich einschränken.

Warum Emotionen der Fans entscheidend bleiben

Technische Logik allein wird keine erfolgreichen Stadionmodernisierungen in Deutschland hervorbringen. Stadionprojekte sind in außergewöhnlichem Maß mit Identität, Erinnerungskultur und öffentlicher Aufmerksamkeit verbunden – insbesondere in Fußballmärkten, in denen Fans das Stadion nicht als austauschbare Infrastruktur betrachten, sondern als einen gesellschaftlichen und kulturellen Ankerpunkt.

Visser bringt dies direkt auf den Punkt: „Stadien sind für die Fanbasis wichtig. Fans können eine starke Stimme haben, was dazu führen kann, dass Vereine ihre Meinungen berücksichtigen.“ Damit verweist er darauf, dass Fangruppen erheblichen Einfluss auf Entscheidungen haben können – etwa darauf, ob ein Verein einen Neubau verfolgt oder die Modernisierung seines historischen Stadions bevorzugt. Gerade in Deutschland, wo die Fankultur traditionell stark ausgeprägt ist und die Aufgabe historischer Spielstätten häufig auf deutlichen Widerstand stößt, kann die Modernisierung bestehender Stadien daher nicht nur eine planerische, sondern auch eine politische Stärke sein.

Aus diesem Grund spielt Beteiligung eine zentrale Rolle. Visser beschreibt Prozesse der Bürger- und Nachbarschaftsbeteiligung, bei denen Anwohner frühzeitig eingebunden werden, um zu verstehen, wie sich ein Stadion verändern wird, Bedenken zu äußern und das Projekt mitzugestalten, bevor sich Widerstände verfestigen. Dies ist keine zusätzliche Kommunikationsmaßnahme, sondern ein wesentlicher Bestandteil, um die Modernisierung eines lebendigen, innerstädtischen Stadions überhaupt realisierbar zu machen.

Roberts ergänzt diesen Gedanken um eine strategische Perspektive. Seiner Ansicht nach gewinnt zirkuläres Retrofit an Überzeugungskraft, wenn Vereine ihren Fans vermitteln können, dass die Wiederverwendung bestehender Strukturen mehrere Vorteile gleichzeitig bietet: Sie ermöglicht den Verbleib am historischen Standort, reduziert CO₂-Emissionen und schafft finanzielle Spielräume für bessere Einrichtungen und Angebote für die Fans. Anders ausgedrückt: Nachhaltigkeit entfaltet ihre Wirkung dann, wenn sie in Kontinuität, Erlebnisqualität und langfristigen Vereinswert übersetzt wird.

Deutschlands Retrofit-Jahrzehnt

Deutschland braucht keinen Stadionbauboom im klassischen Sinne des 20. Jahrhunderts. Was das Land braucht, ist ein „Retrofit-Jahrzehnt“ – eine Zeit, in der es bestehende Staden als wertvolle Güter begreift und sie für neue Standards, neue Einnahmequellen und eine klimafreundlichere Zukunft weiterentwickelt.

Diese Aufgabe ist anspruchsvoller, als viele Neubauprojekte vermuten lassen. Sie setzt voraus, dass Planer die vorhandenen Strukturen genau kennen, Bauphasen klug auf den laufenden Betrieb abstimmen, sich für ein fußballgerechtes Design entscheiden, Dach- und Gebäudetechnik besser nutzen und die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft konsequent anwenden. Zugleich entspricht dieser Ansatz viel eher der Lage deutscher Vereine und Städte: steigende Kosten, ehrgeizige Klimaziele, die emotionale Bindung an gewachsene Standorte und der Wunsch, den Wert bestehender Anlagen besser zu nutzen.

Die eigentliche Chance liegt also nicht im Ersatz der Stadien, sondern in ihrer klugen Weiterentwicklung. Wo Vereine gezielt Kapazitäten ausbauen, Hospitality-Angebote attraktiver gestalten, den Betrieb sichern, auf zirkuläre Materialstrategien setzen und den Fans eine überzeugende Geschichte bieten, wird Retrofit weit mehr als ein pragmatischer Kompromiss. Es wird zum überzeugendsten Modell für die nächste Phase der Stadionentwicklung in Deutschland.


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